Entscheidungen


In der Schule lernen wir nicht, wie wir uns in der Welt der Möglichkeiten und Herausforderungen zurecht finden können. Wir lernen auch nicht, uns selbst und unsere innere Welt besser zu verstehen. Wir lernen nicht, wie wir herausfinden, was wir im Leben wollen und wie wir es erreichen können. Und wir sind jung, sehr jung, wenn wir unser Abschlusszeugnis in den Händen halten mit dem Gefühl, die ganze Welt stehe uns nun offen. 

Ich habe mich noch nie so frei und zugleich überfordert gefühlt, angesichts der unzähligen Möglichkeiten. Was will ich? Wohin soll es gehen? Entscheidungen zu treffen war nie meine Stärke. Wie sollte ich eine Entscheidung dieser Größenordnung treffen?

Das Leben selbst lehrt uns, uns in der Welt zurecht zu finden.
Immer wieder aufs neue - unser ganzes Leben lang.

Viele meiner Mitschüler wussten zu diesem Zeitpunkt schon ganz genau, welchen Weg sie einschlagen würden - ich hingegen war vor lauter Möglichkeiten wie gelähmt. Wie sollte ich mich mit 18 für einen Job entscheiden, den ich für immer ausüben würde? Wie sollte ich mich entscheiden, wo es doch so viele Dinge dort draußen gab, die ich noch nie getan oder von denen ich noch nie gehört hatte.

Monatelang zerbrach ich mir den Kopf. Ich reiste für vier Wochen durch Indien, durchlief mehrere Berufsberatungen, Onlinetests und Praktika, auf der Suche nach "meiner" Berufung.  
Ein ziemlich unmögliches Unterfangen, wie ich heute weiß.

Im Grunde meines Herzens wollte ich etwas "kreatives" machen. Das Problem war, ich wusste nicht genau was. Ich konnte mich für keinen Bereich entscheiden und hatte auch kein wirkliches Vertrauen in meine Fähigkeiten. Dazu kam, dass natürlich kein Studiengang und kein Ausbildungsberuf meinen 100%-Ansprüchen standhalten konnte. An allem hatte ich etwas auszusetzen.

Ich hatte Angst, dass ein definitiver beruflicher Entschluss mich in meinen Möglichkeiten, Visionen und Lebenszielen einschränken könnte. Und so landete ich schließlich bei etwas völlig Anderem.
Ich schrieb mich für Kunstgeschichte und Philosophie ein, mit dem Gefühl, mir damit alles offen zu halten.
Natürlich ging das nicht lange gut. Zwei Semester und ich brach meine Zelte ab um Asien zu bereisen, fernab von Alltag, Zukunftssorgen und Entscheidungen. Es verstrichen neun Monate in Indien und Thailand zwischen Tempeln, Hippies und Marihuana. Die ursprüngliche Absicht "sich selbst zu finden" endete eher im "sich selbst verlieren". Das was ich gesucht habe, habe ich nicht gefunden. Davon war ich zumindest anfangs überzeugt.  -
Dafür habe ich viele andere Antworten gefunden, von denen ich nicht wusste, dass sie dort draußen auf mich warten. Es war das erste mal, dass ich so eine so lange Zeit weg von Zuhause war. Ich habe gelernt die Welt und mich selbst mit anderen Augen zu sehen und mich von Dingen, die negativ an mir hafteten, zu lösen. Manchmal bekommen wir eben nicht das, was wir wollen. Vielleicht einfach deshalb, weil wir eben nicht wissen, was wir alles noch nicht wissen und was es alles noch zu erfahren gibt.

 - Manchmal müssen wir uns erst verlieren um uns zu finden -

Dennoch kamen nach der Rückkehr nach Deutschland auch die Fragen zurück. Mir fehlte die Orientierung und der Halt in meiner alten Welt, fernab des Reisens und damit das Selbstvertrauen etwas neues zu wagen. Ich ging zurück nach Muenster und nahm mein Studium wieder auf. Ich wechselte nach einiger Zeit die Studienfächer zu Religionswissenschaft und Kultur- und Sozialanthropologie. Zwar sind auch das keine "kreativen" Fächer, trotzdem war dieser Wechsel wichtig, denn ich habe wieder Freude am studieren gefunden. Die Inhalte eröffnen mir neue Perspektiven auf die Welt und des menschlichen Zusammenlebens hinsichtlich kultureller, sozialer, wirtschaftlicher, politischer und religiöser Fragen. Dieses Jahr mache ich meinen Abschluss.


Obwohl der Bachelor nun also kurz bevorsteht, überkommen mich auch jetzt noch hin und wieder Zweifel. Ich habe Angst meine "Chance" verpasst und meine kreativen Fähigkeiten nicht genutzt zu haben. Ich weiß nicht, ob ich später überhaupt in diesem Bereich nicht arbeiten möchte, warum wende ich dann so viel Energie und Zeit für mein Studium auf? Hätte ich diese nicht für andere, kreative Dinge nutzen können?
Wenn mich diese Sorgen überkommen, versuche ich sanftmütig und nachsichtig mit mir selbst zu sein.

Ich bin jung! Mir stehen alle Türen offen! 
Auch wenn es bislang keine kreative "Ausbildung" wurde, habe ich meine Kreativität nicht aus den Augen verloren. Neben dem Studium nehme ich mir Zeit für kreative Projekte. Ab Ende Februar wird mein Etsy Shop mit selbst gemachten Schmuck online gehen.

Ich habe mich weiterentwickelt, mich selbst besser kennengelernt und erfahren, was es bedeutet, Krisen zu durchstehen. Niemand ist allwissend oder perfekt; Krisen und Orientierungslosigkeit sind nicht planbar und können Chancen sein.  
Die Entscheidungen meiner Vergangenheit machten mich zu dem, der ich bin. Sie wurden immer von der damaligen Situation bestimmt und beeinflusst. Diese im Nachhinein zu kritisieren macht keinen Sinn. 
So kann ich meinen Frieden damit schließen. Und wer weiß schon, wohin es mich führt. Vielleicht finde ich ja doch eine Nische, die mir gefällt und die meine Qualifikationen, die ich mir im Studium angeeignet habe, schätzt und mit meinen Leidenschaften vereint. Wie gesagt, da draußen gibt es noch so viel, von dem wir nichts wissen.


Wohin soll es gehen - Wer weiß?
Ich weiß genau, dass ich meinem Herzen folgen werde, dass Grübeln nicht zu einer Antwort führt und dass kleine Schritte der Anfang von allem sind.
Ich weiß, dass da draußen nicht "die eine" Antwort auf mich wartet; dass ich all meinen Leidenschaften nachgehen kann und keine einzige vernachlässigen muss.
Ich weiß, dass der Weg durchs Leben nicht immer geradeaus geht und dass viele Antworten erst mit der Zeit kommen. 
Ich weiß, dass Entscheidungen Chancen sind und nichts wovor man sich fürchten muss. 
Ich weiß, dass dort draußen noch viele Türen sind, die sich öffnen werden, wenn ich den Mut habe, meiner inneren Stimme und meinem Herzen zu folgen.
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Es ist gar nicht so leicht, diese Dinge so offenzulegen.
Aber irgendwie tut es gut.

Vielleicht hat der ein oder andere von Euch ja ähnliche Erfahrungen gemacht?
Habt ihr euch auch mit Entscheidungen schwer getan, die die Zukunft betreffen?
Würde mich über einen Austausch mit Euch freuen,

Alles Liebe,
Franziska
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PS: Wen das Thema weitergehend interessiert, dem kann ich das Video "Warum du deine Berufung noch nicht gefunden hast" von Connie Biesalski (vom Reiseblog PlanetBackpack) sehr ans Herz legen. Sie greift viele interessante Aspekte auf. 

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9 Kommentare

  1. Liebe Franziska,
    ich habe damals mit dir zusammen das Philosophiestudium angefangen und dich auch dann und wann mal in einer Vorlesung oder einem Seminar gesehen, aber nicht angesprochen, obwohl ich Leserin deines Blogs war bzw. immer noch bin.
    Ich habe Philo und Deutsch auf Lehramt zuende studiert, obwohl es nie genau das war, was ich so hundertprozentig machen wollte. Aber ich dachte immer, es kommt vielleicht noch was anderes und es tut sich eine Möglichkeit auf. Ich wollte auch immer gern etwas Kreatives machen und hielt die Lehramtsgeschichte auch immer für ganz geeignet, da man ja in einem gewissen Rahmen seine Kreativität ausleben kann. Dass das zwar stimmt, der Aspekt aber unter allen anderen tausend Aspekten völlig untergeht wird mir im Ref. immer klarer. Ich werde das Ref. also wohl zuende machen, um ein zweites Staatsexamen zu haben, habe damit aber die wirkliche Entscheidung doch wieder nur vertagt. Du siehst, ich tue mich auch nicht leicht mit der Entscheidungsfindung, bzw. weiß auch gar nicht so genau wohin die Reise gehen soll. Aber ich glaube, dass sie auch mit dem 2.Staatsexamen noch nicht zuende sein wird... Manchmal werden halt die Zweifel laut, wenn man überlegt, dass man schon so viel Zeit für ein Studium und eine Berufsausbildung investiert hat und ob man nicht dabei bleiben sollte. Vor allem wenn man sich mit anderen vergleicht, die seit Jahren fest im Berufsleben stehen... Aber was nützt einem das alles, wenn man immer wieder an seinem Job und dem eingeschlagenen Weg zweifelt? Wir müssen heute so lange arbeiten, da kann man sich für die Entscheidungsfindung vielleicht auch ein paaar Jahre mehr nehmen?
    Ich bin jedenfalls gespannt, wie es bei dir nach dem Bachelorabschluss weitergeht und wünsche dir dabei viel Erfolg.
    Alles Liebe,
    Sarah

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    1. Hallo liebe Sarah,
      das ist ja witzig! Das nächste Mal wenn du mich irgendwo siehst, sprich mich ruhig an und dann tauschen wir uns über Berufsfindung, Berufung und Glück und alles was uns sonst noch einfällt, aus :)

      Ich glaube es ist gut, etwas durchzuziehen, wenn man sich dafür entschieden hat. Aber es ist ebenso wichtig, auch auf die inneren Zweifel zu lauschen und seine Pläne zu überdenken, wenn die Zweifel und vielleicht auch die Unzufriedenheit zu groß wird. Nur Druck darf man sich nicht machen. So gehe ich das jetzt an.
      Das Studium beenden und mich währenddessen aktiv damit auseinander setzen, was danach kommen soll. Sonst mache ich es mir leicht und bleibe einfach dabei, ohne dass es wirklich mein Herzenswunsch ist!

      Alles Liebe,
      Franziska

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  2. Schön mal wieder von dir zu lesen und dann so ein gutes Thema! Habe das Video von Conni auch gesehen und viel darüber nachgedacht. Bin dann zu ein ähnlichen Fazit gekommen. Ich mein, ich bin 24 und im 2. Lebensjahr, habe vorher nicht studiert oder sonstiges und als Fragen mich ständig warum ich denn meine Zeit vetrödelt habe. Ich bin es Leid immer die gleiche Antwort zu geben aber es ist gut zu wissen, dass man nicht alleine ist <3 Manche wissen eben gleich nach der Schule was sie sein wollen bzw welchen Beruf sie erlernen wollen und andere nicht.

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    1. Danke für deine Nachricht, liebe Jasmin!
      Ja, ich finde auch, dass es immer gut tut, sich mit anderen darüber auszutauschen und zu sehen, dass man nicht alleine ist und viele nicht genau wissen wohin es gehen soll...

      Was studierst du denn zur Zeit bzw. in welche Richtung würdest du gerne gehen?
      Alles Liebe, Franziska

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  3. Hallo Franziska,
    ich bin nun auch mit dem Studium fertig und in Münster und Umgebung auf Jobsuche. Ich fühle mich etwas verloren, weil ich auch nicht weiß, wohin meine Reise geht und was genau mein Traumjob ist. Aber ich werde jetzt einfach mal machen und dann weitersehen.
    In einem Übungsbuch habe ich gelesen, dass man sein Leben in 5 Jahresschritten aufschreiben soll bis 95. Einfach mal aufschreiben, was in diesen Jahren so passieren könnte. Egal ,was davon wirklich passiert, man merkt, dass man noch viel Zeit hat und sich viele neue Türen öffnen und schließen können. Ich kenne dich zwar nicht, aber dass du derzeit Schmuck selbst machst, ist doch schon ein richtiger Weg, um dich kreativ auszutoben, auch wenn es vielleicht nicht dein Hauptberuf wird. Du wirst sicher etwas finden, was zu dir passt.

    Liebe Grüße,
    Juli

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    1. Liebe Juli,

      danke für deinen Kommentar. Ja, das Schmuck machen ist eine Sache, die mir neben dem Studium den notwendigen kreativen Ausgleich gibt. Da hast du recht :)

      Hast du das mit den Jahresschritte mal ausprobiert? Ich werde mir mal Zeit dafür nehmen und das einfach mal aufschreiben. Ich kann mir wirklich gut vorstellen, dass das gut tut und interessante Dinge hervorbringen kann, die einem vielleicht gar nicht so bewusst sind, weil man über einiges noch nie nachgedacht hat!
      Danke!

      Hast du in Münster studiert? Und wenn ja was? Die Uni bzw. der Career Service bietet ja so einige Veranstaltungen in Sachen Berufsorientierung an... da werde ich das kommenden Semester mal von inspirieren lassen :)

      Alles Liebe für Dich,
      Franziska

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  4. Erstmal: richtig guter, ehrlicher Beitrag. Ich fühle mich wirklich total angesprochen und befinde mich auch in so einer Entscheidungssituation.
    Abi ist jetzt schon fast zwei Jahre her und ich habe immer noch nicht angefangen zu studieren, möchte ich jetzt zwar aber ob es dann genau das ist was ich wirklich will kann mir natürlich auch niemand vorher sagen. Habe mich allerdings dafür entschieden direkt den kreativen Weg zu gehen und Kommunikationsdesign/Fotografie zu studieren - hoffentlich klappts.
    Liebe Grüße,
    Marie (maloverie)

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    1. Hallo liebe Marie, danke für deinen Kommentar.
      Es freut mich für dich, dass du eine Entscheidung treffen konntest! Das ist schonmal eine Hürde, die du geschafft hast ;)
      Ich wünsche dir, dass es klappt und dass es vielleicht ja auch der Richtige Weg für dich ist. Viel Glück bei der Bewerbung :)
      Alles Liebe, Franziska

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  5. Hej liebe Franziska! Der Artikel spricht mir so aus der Seele! Ich kenne das Gefühl zu gut, es gibt so unendlich viele Möglichkeiten, dass man sich total verloren fühlt. Ich studiere mittlerweile im 3., bald 4. Semester Kulturwissenschaften. Das macht auch irgendwo Spaß aber irgendwie packt es mich nicht. Ich brauche mehr Praxis, etwas wo ich mich handwerklich und kreativ ausleben kann. Ich zweifle ständig am Studium, aber kann mich auch nicht überwinden abzubrechen, weil es ja nicht total schlecht ist. Mir geht es wie dir, es gibt so viel was ich später machen will, ich kann mich niemals auf eine Sache festlegen.. Ich versuche mir auch immer zu sagen, dass ich noch jung bin. Aber bei einem selber ist man ja immer noch etwas strenger. Danke für den tollen Blogeintrag! Alles Liebe für dich :)

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