21. Oktober 2017

Ein Abschied und ein neues Kapitel


Wenn man längere Zeit an einem Ort gelebt hat, kann allein der Gedanke, diesen Ort zu verlassen unheimlich groß und schwer sein. Die täglichen Wege, die eigenen vier Wände, die Menschen, die Gesichter, die Luft - alles ist so vertraut. Man hat sich bequem eingerichtet an diesem Ort und in diesem Leben das man führt. Und so vergehen Tage, Wochen und Jahre. So viel Zeit, dass man schon gar nicht mehr weiß, wie sich das Leben an einem anderen Ort angefühlt hat. Oder wie sich ein Leben an einem neuem Ort anfühlen könnte. 


Bye bye old room

Viele Jahre habe ich in meiner Studienstadt verbracht. Viele verschiedene Wohnungen habe ich in dieser Zeit mein Heim genannt. 
Doch jetzt muss keine Veranstaltungen mehr besuchen, nur noch schriftliche Arbeiten inklusive meiner Bachelor Arbeit schreiben und abgeben. Das ein oder andere Gespräch mit Professoren steht noch an, aber im Großen und Ganzen bin ich nun unabhängig von dieser Stadt.
Nicht immer habe ich es mir leicht getan mit dem Studieren (- dazu habe ich vor einigen Monaten einen Blogartikel verfasst: klick). Nach dem ersten Jahr habe ich das Studium abgebrochen um nach Indien zu gehen, bin nach über einem Jahr in diese Stadt zurückgekehrt, habe das Studium wieder aufgenommen, habe irgendwann die Fächer gewechselt und zwischendurch haben mich immer wieder Zweifel geplagt.

Jetzt ist das Ende in Sicht - die anstehenden Arbeiten an zwei Händen abzählbar und der Abschluss greifbar nah. Ich habe einen Punkt erreicht, der immer so unfassbar fern schien - weil es mir oft so schwer fiel diszipliniert dran zu bleiben und mich nicht von all den alternativen Möglichkeiten und meinen Ideen vom Weg abbringen zu lassen. 
In all den Jahren war da immer wieder diese Sehnsucht in mir, die laut wurde und davon träumte, in eine andere Stadt zu gehen, etwas anderes zu machen - aber was? Ich hatte keinen Plan B, den ich klar benennen konnte. Nur das Gefühl, nicht in der Wissenschaft - wie es mein Weg vorzugeben schien - arbeiten zu wollen, sondern "irgendetwas kreatives" zu machen.

Aber ich entschloss, das Studium zu beenden und entschied, wenn es soweit seien würde, meinen Weg ungebunden von diesem Abschluss zu gehen. Wohin auch immer er mich führen würde, ich vertraute darauf, dass ich den Richtigen für mich finden würde. Mit diesem Wissen und dem darauf wachsenden Vertrauen, wuchs auch meine Freude an dem Studium und ich erkannte mehr und mehr den Wert dieses wissenschaftlichen Studiums. Wer kann schon sagen wohin einen das Leben führt? Es zu planen klappt sowieso nur bedingt und wir kennen all die möglichen Wegabzweigungen nicht, an die wir stoßen werden.


Im Sommer war es dann soweit, ich hatte meine letzte Univeranstaltung hinter mir und konnte es gar nicht fassen. Ab jetzt war ich Ortsungebunden. Es konnte losgehen. Irgendwohin. 
Aus der Ferne und als ich sowieso an diesen Ort gebunden war, waren solche Tagträume und Vorhaben leicht und schön auszumalen. Ganz einfach und bequem. Anders sieht es aus, wenn man dann tatsächlich "frei" ist und es Zeit wird ins Handeln zu kommen um sich selbst treu zu bleiben.

Ein paar Wochen konnte ich diese Überlegungen noch vor mir herschieben - einige Arbeiten mussten noch fristgerecht fertiggestellt werden. Als diese erledigt waren, führte kein Weg mehr drum rum. 

Ich bin jemand, der seine Ideen und Entscheidungen gerne langsam wachsen lässt um hinein fühlen zu können, ob sie für mich die Richtigen sind. Und so habe ich über einen Zeitraum hinweg immer mehr mit der Idee angefreundet für einige Wochen nur mit dem Nötigsten zu meiner Schwester nach Berlin zu gehen und meine Möbel und meinen Kram zu meiner Familie zu bringen.


Und wie es so oft mit den Dingen ist, die Zuende gehen, habe ich in den letzten Monaten eine neue Freude am Studieren entdeckt. Das Bewusstwerden des Endlichen, dieser langen Zeit der unendlich erscheinenden Mühle, ließ mich einen neuen Blick auf die Dinge bekommen. Sowohl auf das Studium, die Fächer und Inhalte als auch auf die Stadt in der ich all die Jahre gelebt habe und die ich, in Phasen des Überdruss, manchmal nicht mehr sehen konnte. 


Eigentlich ja doch ganz schön

Je näher der Auszugstermin rückte, desto schöner fand ich auf einmal die Stadt, in der ich so viele Jahre verbracht hatte und mir der ich eine Beziehung der HassLiebe führte. In den letzten Wochen erfreute ich mich an so vielen Dingen erfreut, die ich schon gar nicht mehr wahrgenommen hatte. Und die Stadt und Begegnungen mit neuen Augen gesehen. Mit den Augen des Abschieds und des Neuanfangs.

Und während ich die Stadt mit neuen Augen sah, packte mich die Nostalgie und eine Traurigkeit, diesen urigen Ort, nun im Winter, wenn wir es gern gemütlich und kuschelig haben, zu verlassen. 
Auch wenn es an einigen Tagen vor dem Auszug nicht immer leicht war, bin ich doch froh über diese Gefühle. Sie zeigen mir, dass mich die Stadt über all die Jahre hinweg doch berührt hat - und sie und meine Zeit in ihr, einen Platz in meinem Herzen haben - auch wenn ich sie manchmal verflucht habe :)


Veränderungen sind oft nicht leicht. Vor allem in unserem Kopf ist so ein Schritt manchmal ungeheuer riesig. So sehr haben wir uns an die Gegebenheiten und Umstände gewöhnt. Warum lasse ich all das hinter mir? Was erwartet mich? Wohin wird es mich führen?



Bye my friend, my first and last flatmate in this town.

Dann ging alles ganz schnell. Am vergangenen Sonntag wurde alles in Kartons gepackt und Montag früh der gemietete Sprinter geholt. Den Großteil der Sachen hatten wir am Abend zuvor vom 3. Stock schon nach unten in den Keller gebracht - und so dauerte es keine 2 Stunden und alles war verstaut. Noch einmal rasch durchs Zimmer gesaugt, die letzte Tasche unter den Arm geklemmt, von der Wohnung verabschiedet und die Tür ein letztes mal hinter mir zugezogen. Und los gings. 

"Das war´s" denke ich. Die Wohnung, in der ich über zwei Jahre gelebt habe gibt es so nicht mehr. Was auch immer da kommen mag, ich weiß, es wird gut.

Den Asphalt vor mir und all mein Besitz im Laderaum hinter mir 
- auf einmal erscheint dieser Schritt doch so einfach und gar nicht mehr so groß.


Kommentare:

  1. Toller Post, ich kann deine Gedanken total nachvollziehen. Ich bin bald mit meiner Ausbildung fertig und bin gespannt, was mein Leben danach noch so überraschendes für mich bereit hält :-)

    Liebe Grüße
    Sophie <3

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    1. Danke dir, Sophie! Ich wünsche dir ganz viel Erfolg und Enthusiasmus für deinen nächsten Schritt und Lebensabschnitt :)

      Alles Liebe,
      Franziska

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  2. Vielen Dank für deinen schönen Blog! Ich lese und schaue immer wieder gerne :)

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    1. Das freut mich sehr und ich danke dir für deine Worte!

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  3. Wuhuuu... viel Erfolg, was auch immer Du dort so treibst. Kleine Schritte, große Schritte... Hauptsache man bleibt in Bewegung.

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    1. Nils!!! Wie schön, dass du hier vorbeischaust :) Hauptsache man bleibt in Bewegung - das ist so wahr!! Liebe Grüße nach Indien, du coole Sau!

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  4. So so schön! Vorallem auch die abschließenden Zeilen, sehr rührend!

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